Innere Zufriedenheit

BoffskiIch hab mich die Tage ma wieder von den Jupp Andreijczak, wat ja unsan Pastor is, bestechen lassen, den ollen Adolf Bratschinski zu besuchen. Der Jupp meint ja immer, dat wär von den christlichen Gedanke her und für meine innere Zufriedenheit wohl ganz gut, wenn ich ma ein fremden, hilflosen Mensch besuchen und ihn damit eine Freude machen täte. Dumm is nur, dater kein findet, der den ollen Adolf besuchen will. Ohne Bestechung läuft da gar nix. Auch nich bei mich. Jupp is ja immer um seine Schäfkes besorgt und scheut da keine Kirchenkosten und anderer Leuts Mühe.
Der Adolf is inzwischen so umme 100 und wohnt im Altersheim, weil seine Familie nix mehr mit ihn zu tun haben will.
Adolf is ein alten Braunen. Einer von die ganz unverbesserliche Sorte. Und weil der sonz kein mehr hat, spendiert der Jupp mich von Zeit zu Zeit ma ein Sexerpack Dortmunder, damit ich den Adolf ma besuchen geh. Für son Bierken umsonz kannzet ja schomma son paar Minuten bei die olle Hackfresse aushalten, denk ich mich.
Sonz musse ja füre alten Leute immer Respekt haben. Aber bei den Adolf gildet dat nich! Der Adolf is ne Arschgeige. Immer schon gewesen. Der is schon unsern Oppa immer aufen Draht gegang. Und immer schön den rechten Arm ausgestreckt hater.
„Tach, Adolf,“ sarich, wie ich mite Schwester bei ihn im Zimmer komm. „Na, Du altet Ledergesicht, wie isset? Immer noch hart wie Kruppstahl?“
„Hau ab, Pollacke,“ sabberter mühsam durch seine wackeligen Dritten. Der sacht ja Pollacke für mich. Wegen mein Name. Weil der auf -ski enden tut.
„Und Du, Du alten Komisskopp, wat is mit Dich?“ geb ich zurück. „Has doch auch polnische Vorfahrn. Oder is Bratschinski nur ein Tarnname, damitse Dich nachen Kriech in Ruhe lassen?“
Kuckter mich aus seine Knautschzone raus böse an, sacht aber erssma nix. Is ja auch schwer, mit 100 den Kopp am funxeniern zu halten und dann auch noch durchen wackeliget Gebiss böse Kommentare abzugeben.
„Und?“ frach ich. „Wat macht dat Kreuz? Is besser geworden?“
„Nee,“ seibert er nur kurz zurück.
„Na,“ sarich drauf. „Dann is ja gut. Adolf, dat hasse Dich verdient.“
„Aber Herr Boffski,“ geht die Schwester dazwischen. „Sowat sacht man doch nich. Man wünscht doch keim wat Böset. Schon gar nich son alten Mensch.“
„Frollein,“ sarich zurück. „Dat mach ich doch auch gaanich. Ich wünsch ihn doch gaanix Böset. Hat doch sowieso kein Zweck. Sowat Böset wie der sich in die ganzen Jahre verdient hat, krisse bei uns doch gar nich mehr.“
„Herr Boffski!“ isse ganz erschrocken.
„Ja, wat?“ sarich. „Der alte Nazi weiß genau, wat ich mein. Nä, Adolf? Weiße doch, nä?“
„Herr Boffski! Nu is aber ma gut. Der Herr Bratschinski kann sich doch nich mehr so richtich wehrn.“
„Wat auch gut so is,“ geb ich mit ein zufriedenen Tonfall zurück. „Aber wissense wat? Ich wünsche den Herr Bratschinski trotzdem, dater noch möglichst lange leben tut. Und dater dat auch allet schön genießen kann. Sein Rücken, son ganz geflechten Dünnfiff und vielleicht auch noch so richtich schöne, große Gallensteine und allet, wat der Liebe Gott sonz noch so für solche Gannefs vorgesehn hat.“
„Herr Boffski, ich glaub, dat wär getz besser, wennse gehn würden,“ sachtse angefressen für mich und dreht mich zum Ausgang rum.

Wie ich gestern den Jupp Andreijczak getroffen hab, hater mich gefracht, wie et denn bein Adolf gewesen wär.
„Ach, Jupp,“ sarich. „Bein Adolf find ich dat immer irgenswie nett. Wenn ich bei ihn bin und ein paar Worte mit ihn wechseln kann, gibt mich dat immer ein Gefühl von so eine schöne innere Zufriedenheit, wenne verstehss, wat ich mein.“
„Jau,“ sachter. „Dat versteh ich. Dat is ein ehrlichet, christlichet Gefühl.“


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